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Waldsterben
Lebe wohl, mein deutscher Wald... Wald- und Artensterben in deutschen Landen
"ZeitenWENDE" (Ausgabe 28 / 2007)
Franziska Ute Gerhardt und Stefan Bernhard Eck
Noch vor einigen Jahrhunderten waren 90 Prozent der Fläche Deutschlands von "Urwald" bedeckt. Heute ist nur noch ein Drittel von Deutschland bewaldet. Und von "Urwald" kann natürlich auch keine Rede mehr sein; er wurde zum "Nutzwald" umfunktioniert, er fiel einem fragwürdigen Fortschritt und den noch fragwürdigeren "Kulturlandschaften"" zum Opfer. Der mitteleuropäische "Urwald" war ein natürlich gewachsener Wald mit gesundem Boden, ein höchst komplexes und intaktes Ökosystem: Moose, Flechten, Pilze, dann niedrige Pflanzen und schließlich Laub- und Nadelbäume. Er war Lebensraum für unzählige Tierarten: Mikroorganismen, Insekten, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Es gab "Raubtiere", darunter auch Wölfe, Bären, Luchse und Wildkatzen, die für ein Gleichgewicht der Tierpopulationen sorgten. Der überwiegende Teil der ausgedehnten Waldflächen fiel aber nach und nach der Landwirtschaft und der Besiedelung zum Opfer. Wildkatze, Luchs und Wolf sind bis auf wenige Exemplare verschwunden. Der letzte Bär wurde vor 170 Jahren erschossen – einmal abgesehen von dem aus Italien eingewanderten Braunbär Bruno, der 2006 auf Geheiß des bayerischen Staatsministers für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, Werner Schnappauf, zur Strecke gebracht wurde. Heute gibt es kaum noch größere zusammenhängende Waldgebiete bei uns; immer mehr Wanderwege, Skipisten, asphaltierte Zufahrtswege, Landstraßen und Autobahnen, vier- bis achtspurige Todesstreifen für die Wildtiere, zerschneiden den Wald. Und wie in anderen waldreichen Ländern ist er auch in Deutschland zu einem immensen Wirtschaftsfaktor geworden. Weil die Forstwirtschaft schnell nachwachsende Bäume für Holzprodukte und Papier bevorzugt, wurden aus den ursprünglichen Mischwäldern Monokulturen für den permanent ansteigenden Holzbedarf. Jeder Deutsche verbraucht im Schnitt einen Kubikmeter Holz pro Jahr, zwei Drittel davon entfallen auf Papier! Lebe wohl, mein deutscher Wald …
Seit Ende der 70er Jahre wird das Phänomen "Waldsterben" beschrieben. Die Emissionen aus Landwirtschaft, Industrie, Kohlekraftwerken sowie Autoabgase schädigen als Stickoxide, Ammoniak und Schwermetalle die Bäume. Als "saurer Regen" erzeugen sie "saure Böden" oder greifen direkt als Luftschadstoffe das Blattwerk an. Erreichen die Giftstoffe schließlich die Wurzeln, stirbt der Baum. Das in den 80er Jahren befürchtete großflächige Sterben der deutschen Wälder ist dank entsprechender Schutzmaßnahmen (Filteranlagen für die Industrie, Katalysatoren für Autos) noch nicht eingetreten, und direkt spricht man vom "Mythos Waldsterben". Die Realität sieht aber anders aus, denn nach Angaben der "Schutzgemeinschaft deutscher Wald" waren im Jahr 2004 immer noch 31 Prozent des Waldbestandes erheblich geschädigt. „Mythos“ Waldsterben – Fehlanzeige, denn nach wie vor wird der Wald durch Gülle bedroht. Neben Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid durch Industrie, private Haushalte und Individualverkehr trägt vor allem die Überdüngung indirekt zum Waldsterben bei, weil riesige Mengen an Stickstoffverbindungen - eine Folge der Massentierhaltung - über Luft und Regen in Boden und Grundwasser gelangen. Dadurch wachsen die Bäume zwar schneller - Stickstoffverbindungen sind „ideale“ Düngemittel - die Bäume sind aber weit anfälliger, so für den "Schädling" Borkenkäfer. Zudem schwächt die zunehmende Trockenheit den Baumbestand. Ein ausgetrockneter Baum produziert kaum noch Harz als natürliche Abwehr gegen den nimmersatten Käfer, der in einem gesunden Mischwald viel weniger Schaden verursachen kann. Wer Fleisch und andere Tierprodukte konsumiert, ist indirekt für die Zerstörung unserer Waldgebiete mitverantwortlich. Sieben, vielleicht acht Prozent der Deutschen sind nach Schätzungen Vegetarier, aber nur 600.000 Menschen ernähren sich hierzulande vegan. Lebe wohl, mein deutscher Wald …
Die auf Monokulturen ausgerichtete Forstwirtschaft, die Waldschädigung durch industrielle Schadstoffemissionen, die Überdüngung und der anthropogene Treibhauseffekt, der zerstörerische Stürme hervorruft, werden zum allmählichen Exitus des deutschen Waldes führen. Schon vergessen? Der Orkan Kyrill jagte im Januar 2007 mit bis zu 225 Stundenkilometern über Deutschland hinweg und vernichtete riesige Waldflächen. Und mit dem Wald werden viele Tier- und Pflanzenarten aussterben. Je gesünder der Wald, desto mehr Arten können dort leben. Noch findet man in unseren Wäldern viele wunderschöne Pflanzen, noch leben hier seltene Tiere wie Waldkauz, Uhu, Eichelhäher, Spechte, Dachse, Rehe, Hirsche, Wildschweine, Füchse, Marder, Eichhörnchen - im Harz und in der Eifel auch kleine Populationen von Wildkatzen sowie Reptilien, darunter die selten gewordene Kreuzotter, und viele Insektenarten. Aber wie lange noch? Nach der aktuellen "Roten Liste" Deutschlands gelten mittlerweile 5 416 (39 Prozent) Pflanzen- und Pilz-Arten als gefährdet; bei den Wirbeltieren sind es 259 Arten (38 Prozent) und bei den Insekten, vor allem Käfer, 2 457 Arten (41 Prozent). Nach dem im April 2007 veröffentlichten IPCC-Bericht (Intergovernmental Panel on Climate Change) besteht weltweit für 20 bis 30 Prozent aller Arten ein "hohes Risiko" auszusterben, sollte die globale Temperatur um 1,5 bis 2,5 Grad weiter ansteigen. Und die Auswirkungen des Klimawandels gehen an Deutschland nicht vorbei; der Winter 2006/2007 war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1861. Lebe wohl, mein deutscher Wald …
Das Waldsterben wird bagatellisiert, aber es dient immer noch als Vorwand für die Jägerschaft, den Wald vor "Verbissschäden" mit dem Gewehr im Anschlag zu bewahren. Dabei werden jährlich rund 1000 Tonnen hochgiftiges Blei in Boden und Bäumen hinterlassen: die Schrot- und Bleikugeln, die ihr Ziel verfehlt haben. Von der einstigen Idylle ist nicht mehr viel übrig: Zigtausende Jäger-Hochsitze, Schneisen für Hochspannungsleitungen, Windkrafträder und trostlose Monokulturen verschandeln die Wälder. Lebe wohl, mein deutscher Wald …
IV. Quartal 2007
Foto: Wilhelm Pröhl







