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Leben in der "Unkultur"
Das Leben von Tierrechtlern: eine psychische Dauerbelastung
"ZeitenWENDE" (Ausgabe 29 / 2008)
Sabine Jedzig
Es ist medizinisch erwiesen, dass eine psychische Dauerbelastung zu Essstörungen, Magen/Darm-Erkrankungen, Schlafstörungen oder zu Depressionen führen kann. Die Lebensqualität nimmt rapide ab, und nicht selten kommt es zu Konflikten im Familien- und Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. Oft ist eine soziale Isolation die Folge, weil sich die Betroffenen aus Selbstschutz in ihr "Schneckenhaus" zurückziehen. Ein Teufelkreis, denn Dauerstress, Vereinsamung und Resignation können im Extremfall sogar zum Freitod führen.
"Des einen Freud ist des anderen Leid". Kein Satz könnte besser zum Ausdruck bringen, wie Tierrechtler durch das tiervergessene Verhalten vieler Mitmenschen zu dauernd Leidenden werden. Tagtäglich werden unzählige Tiere gequält und ermordet - die meisten von ihnen, weil sich der größte Teil der Menschheit nach wie vor der "Lust am Fleisch" verschrieben hat. Millionen Wildtiere werden jedes Jahr von Jägern erschossen; aus Lust am Töten oder wegen der begehrten Trophäen. Tiere werden in Versuchen verstümmelt oder vergiftet, weil angeblich nach irgendeinem Nutzen für die Menschheit geforscht wird. Und auch ein sadistisches Vergnügen im Zusammenhang mit Tierversuchen - „Covance“ in Münster lieferte z.B. den Beweis - ist grausige Realität.
Ein kurzer Gaumenkitzel, eine Trophäe an der Wand, das sinnlose Sterben für eine fragwürdige Medizin und vieles mehr verursachen unendliches Leid und millionenfachen Tod unserer tierlichen Mitlebewesen.
Neben dem Elend der Tiere existiert aber auch noch ein anderes Leiden - nämlich bei jenen Menschen, denen das traurige Schicksal der Tiere zu Herzen geht. Ich spreche von der psychischen und physischen Dauerbelastung von Tierschützern und Tierrechtlern.
An dieser Stelle sollen einmal diejenigen Menschen zu Wort kommen, die sich mit den Tieren solidarisch erklären und daher selbst extrem unter ihrer grausamen Behandlung leiden.
Barbara, Therapeutin: "Die Augen lassen mich nicht in Ruhe, ich sehe die Augen der gequälten Tiere. Tag und Nacht. Sie verfolgen mich, sie quälen mich, sie treiben mich. Eine Psychologin sagte, ich solle bis an mein Lebensende Neuroleptika einnehmen, da ich zu vulnerabel, (dünnhäutig) sei... Die Augen der Tiere und das Wissen um ihr Leid machen mich fertig. Nachts stehe ich auf und "kreaktiviere" (male, forme, tone ... usw.) ihre Augen. Meist weinen sie… Sollte ich tatsächlich einmal Suizid begehen, sind die schuld, die die Welt durch Folter und Qual zerstören."
Ingrid, Hausfrau: "Das Wissen um das Leid und die große Not unserer liebenswerten Mitgeschöpfe macht mich seelisch ganz krank, und ich sitze oft vor Videos oder Fotos, die Tierschützer ins Internet stellen. Dann packt mich das eiskalte Entsetzen, und ich könnte vor Empörung und Schmerz laut aufschreien. Ich kann meinen vielen Tränen über so viel Unmenschlichkeit nicht mehr Einhalt gebieten. Dann heule ich los wie ein "Schlosshund", und es zerreißt mir fast das Herz."
Annette, Gesundheitsberaterin: "Was ist das nur für eine Welt, in der wir leben? Während ich dies schreibe, laufen mir Tränen über die Wangen. Ich weiß, das nützt den Tieren nicht, aber ich kann sie nicht zurückhalten. Aber aus dieser tiefen Verzweiflung entwickelt sich immer mehr eine grenzenlose Wut, vor allem auf die Politiker, die die Macht hätten, gegen diese Zustände etwas zu unternehmen, und die fast tatenlos zusehen, wie so viele Tiere jeden Tag (!) unter grausamsten Bedingungen existieren müssen bzw. auf brutalste Art und Weise geschlachtet oder sogar geschächtet werden!"
Katrin, Heilpraktikerin und Psychotherapeutin: "Menschen wie ich möchten angesichts solcher Bilder, die die wahre Realität unseres Lebens zeigen, nicht mehr Teil dieser Welt sein. Wenn wir uns dieses jeden Tag, die in jeder Minute stattfindenden Folterungen und Morde an Tieren vergegenwärtigen, erlischt in uns jeder Lebensmut. Sie halten dies für übertrieben? Ich kann Ihnen versichern, dass es mir und vielen anderen nur mit Mühe gelingt, unseren Alltag angesichts dieser Grausamkeiten aufrechtzuerhalten."
Barbara Hohensee, Schiedsgerichtsvorsitzende unserer Partei, Juristin, im Hungerstreik vom 5. bis 12. November 2007 vor dem Landwirtschaftsministerium: "Warum jetzt eine Mahnwache? Weil andere Proteste bisher nicht ausreichten. Es ist gerade hier in Berlin richtig und wichtig, sich aller Opfer des Unrechts vergangener Zeiten zu erinnern. All das Vergangene bedrückte mich immer sehr. Gleichzeitig sah ich und fühlte immer auch aktuelles, alltägliches Unrecht, an das ich jetzt meine Mitbürger erinnern will und muss."
Ein Nachruf auf Hans Wollschläger von Sina Walden: "Es war aber nicht die geistige Beweglichkeit, die ihm gefehlt hätte, vielmehr war die Aufnahmefähigkeit und die Klarheit dieses Kopfes vielleicht eben der Grund, dass er die Welt nicht mehr aushielt. Er konnte seinen Intellekt, mit dem er das Böse und Dumme klarsichtig analysierte, nicht von seinem seelischen Mit-Leiden abspalten. Der Druck des entsetzlichen allgegenwärtigen Unrechts gegen Mensch und Tier wurde mit der wachsenden Hoffnungslosigkeit angesichts der triumphierenden Gemeinheit langsam stärker als die kämpferische Leidenschaft, die ihn getragen hatte, führte in die - mit Spott verkleidete - Depression. Es war am Ende nur eine Lungenentzündung, die ihn im März ins Klinikum Bamberg brachte. Seine Frau ist überzeugt davon, dass die geballte Ladung von Medikamenten und chemischen Therapien in den letzten Wochen seinem geschwächten Körper den Rest gegeben hat. Aber sie sagt auch, dass der Zustand der Welt und die Ohnmacht der Aufklärung sein Herz versagen ließ."
Nach solchen Sätzen ist es nicht mehr notwendig, die persönliche Betroffenheit und die seelische Situation der menschlichen Opfer von Tiermord und -ausbeutung weiter zu kommentieren.
Unsere Regierung setzt alle Hebel in Bewegung, wenn das Leben eines deutschen Bürgers bedroht ist - man denke zum Beispiel an den Entführungsfall Susanne Osthoff. Das körperliche und seelische Befinden von tausenden Tierschützern und Tierrechtlern aber, die Tag für Tag mit extremer Tierquälerei konfrontiert werden und darunter massiv leiden, bleibt unbeachtet, als ob es überhaupt nicht existierte. Eine Regierung, die das seelische Leid einer immer größer werdenden Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für Tierschutz und Tierrechte engagieren, rücksichtslos ignoriert, hat Ihre politische und moralische Glaubwürdigkeit definitiv verspielt.
"Politiker sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Politiker", schreibt Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer unübersehbar auf seiner Webseite. Die Wahrheit ist: Er ist der willfährige Handlanger von Industrie und Wirtschaft – und die Menschen dort sind es, die seine Politik bestimmen. Ihr Befinden zählt, nicht das von Menschen, die durch seine tierfeindliche Gesetzgebung krank werden oder zu extremen Protestaktionen getrieben werden.
Es ist höchste Zeit für eine Politikwende!
I. Quartal 2008
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Foto: Sabine Jedzig














