Service - Bibliothek - Von Fisch essenden "Vegetariern"
Von Fisch essenden "Vegetariern"
Oder: "Meeresfrüchte" wollen leben
"ZeitenWENDE" (Ausgabe 30 / 2008)
Karin
Hilpisch
"Ich bin auch Vegetarierin", lächelt die junge Frau, die mich auf frischer Tat beim Einwerfen von Info-Material in Briefkästen ertappt und gefragt hat, was ich denn da verbreite. "Wirklich?", frage ich erfreut, "Sie essen also kein Fleisch, auch keinen Fisch?" "Doch, Fisch ab und zu schon", lautet die Antwort, "man muss es ja nicht übertreiben."
Nein, übertreiben muss man es nicht. Aber die Frage, ob man es mit dem Vegetarismus übertreiben könne, stellt sich eben nur dem, der ihn mit der Angewohnheit verwechselt, pflanzliche Nahrungsmittel zu bevorzugen, ohne Produkte tierlichen Ursprungs kategorisch auszuschließen. Ich lebe seit sieben Jahren vegan. Ich erinnere mich aber noch an die Zeit, als auch ich mich für eine Vegetarierin hielt, kein Fleisch aß, aber noch Fisch auf dem Teller hatte. Wie war es möglich, als ethisch motivierter Mensch so lange dem Wahn des vermeintlichen Unterschiedes zwischen Fleisch und Fisch verfallen gewesen zu sein?
Fische unterscheiden sich von anderen Tieren darin, dass sie durch Kiemen statt durch Lungen atmen und durch ihren Lebensraum der menschlichen Wahrnehmung weitgehend entzogen sind. Dies gilt insbesondere für ihre Äußerung von Schmerzempfindungen: Fische schreien nicht, wenn sie gefangen und getötet werden - zumindest nicht in für menschliche Ohren wahrnehmbarer Weise. Deshalb war man lange Zeit der irrigen Meinung, dass Fische überhaupt keinen Schmerz empfänden. Das Gegenteil ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Ebenso erwiesen ist, dass Fische über Intelligenz und ein ausgeprägtes Sozialverhalten verfügen. Doch selbst wenn sie, am Maßstab menschlicher Intelligenz gemessen, „strohdumm“ wären, was besagte dies im Hinblick auf die Frage, ob es moralisch gerechtfertigt ist, sie zu essen? Die Antwort: Nichts. Denn für diese Frage ist nur ein Kriterium von Belang: die Empfindungsfähigkeit.
Diese Eigenschaft begründet das Interesse daran, keine Schmerzen zu erleiden und zu leben. "Der Tod ist das größte Übel für jedes empfindende Wesen und ... empfindungsfähig zu sein allein schließt logisch ein Interesse an fortgesetzter Existenz und einen gewissen Grad an Bewusstheit dieses Interesses ein. (...) Tiere mögen keine Gedanken haben, wie lange sie leben werden, doch kraft ihres Interesses, nicht zu leiden und Freude zu erfahren, haben sie auch ein Interesse daran, am Leben zu bleiben. (....) Empfindungsfähigkeit ist kein Zweck an sich; es ist ein Mittel zu dem Zweck, am Leben zu bleiben. “ (Gary L. Francione. Introduction to Animal Rights. Your Child or the Dog?, Temple University Press, 2000, S. 137, übersetzt von K. H.)
Hinsichtlich des Interesses, am Leben zu bleiben, unterscheiden sich Fische also nicht von anderen - menschlichen und nichtmenschlichen - Tieren. Deshalb ist dieses Interesse auch in gleicher Weise moralisch zu berücksichtigen.
Das Prinzip der gleichen Berücksichtigung, also Gleiches gleich zu behandeln, ist ein Grundprinzip jeder moralischen Theorie. Die Frage, ob es moralisch gerechtfertigt ist, empfindungsfähige Wesen zu töten, stellt sich bei Fischen nicht anders als beim Menschen. Wenn es moralisch nicht zu rechtfertigen ist, Menschen zum Vergnügen, aus Bosheit oder Habgier zu töten, dann ist es ebenso wenig bei Fischen oder anderen Tieren gerechtfertigt - auch dann nicht, wenn es um die Befriedigung kulinarischer Bedürfnisse geht.
Grundsätzlich gilt: Tiere haben nicht menschlichen Zwecken zu dienen!
Diesem Grundsatz entspricht eine vegane Lebensweise, also eine Lebensweise ohne den Konsum oder Gebrauch von Produkten, für deren Herstellung Tiere verwendet wurden. In einem Glas Kuhmilch steckt mindestens ebenso viel Leid wie in einem Rindersteak oder Fischfilet. Dies gilt ausnahmslos auch für sogenannte "Bio"-Produkte.
II. Quartal 2008
Foto: aboutpixel.de / Fischfang kede














